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09.09.2024 · Ernst Fischer
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Rubrik: Themen und Impulse / Stichworte: Integrität, Freiheit

23.07.2023 Ernst Fischer / Bild: PxHere

Das letzte Bisschen

Ausgehend vom Film "V wie Vendetta" frägt der Beitrag nach unserer Integrität, also ob unsere tatsächliche Lebenspraxis mit unserer Werten und Idealen übereinstimmt. Und wenn ja, warum dies so wichtig ist.

Laut dem Oxford Lexikon hat Integrität folgende Bedeutung: „Integrität ist die Eigenschaft, ehrlich (zu sich selbst) zu sein und starke moralische Prinzipien zu haben“. Eine andere Definition meint mit „die möglichst weitgehende Übereinstimmung zwischen den eigenen Idealen und Werten und der tatsächlichen Lebenspraxis.“

Ist diese Treue zu sich selbst heute noch modern, wo eine globalisierte und komplexe Welt uns täglich auffordert, uns neu zu erfinden und anzupassen? Oder sind wir gar korrumpierbar geworden, also lassen wir uns durch Verlockungen oder Drohungen von äußeren Einflüssen leiten? Schließt das eine das andere wirklich aus?

Die genialen Drehbuchautorinnen Lilly und Lana Wachowski (Matrix!) haben im dem bemerkenswerten Film "V wie Vendetta" eine radikale Antwort gegeben. Der Film aus dem Jahr 2005 spielt im dystopischen, futuristischen London um das Jahr 2020. Die Geschichte folgt V, einem maskierten Freiheitskämpfer, der im Kampf gegen den totalitären Staat gleichzeitig persönliche Rache verfolgt (ital. vendetta für Blutrache) und eine gesellschaftliche sowie politische Revolution vorbereitet. Die Wachowskis lassen dort die zweite Hauptdarstellerin Evey, gespielt von Natalie Portmann, in einer Gefängniszelle einen Brief lesen:

„Unsere Integrität verkauft sich für so wenig, aber es ist alles, was wir haben! Sie ist das allerletzte Bisschen von uns; aber innerhalb dieses Bisschens sind wir wirklich frei.

Jedes Bisschen von mir wird zugrunde gehen. Jedes Bisschen. Bis auf eines. Ein Bisschen. Es ist klein und zerbrechlich und das einzige in der Welt, das das Leben lebenswert macht. Wir dürfen es niemals verlieren oder verschenken. Wir dürfen niemals dulden, dass sie es uns wegnehmen. Denn es ist der letzte Zentimeter von uns. Und innerhalb dieses Zentimeters sind wir frei!“

Auch wenn in Extremsituationen, wie sie der Kinofilm beschreibt, diese radikale Aussage als Ausdruck einer Selbstreflexion nachvollziehbar ist, so ist sie in alltäglichen Entscheidungssituationen nicht immer anwendbar. Pragmatismus gehört zu einem zufriedenstellenden Leben, und überzogener Idealismus kann unmenschlich werden.

Trotzdem: Ein Mensch, der keine Haltung zeigt, wird auch Anderen nicht bewegen können.

Ein Mensch, der sich seinen Idealen nicht im inneren Dialog stellt, wird keine menschlichen Lösungen finden. Ein Mensch, der sich nicht selbst treu ist, wird auch kein Vertrauen aufbauen können.

Und nur eine Menschheit, die Visionen hat, um die Welt ein Stück besser zu machen, wird verhindern, mit ihr unterzugehen. Oder wie es Lilly und Lana Wachowski im Film sagen lassen: Ideen sind kugelsicher.

Ernst Fischer

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